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Vorüberlegungen zu einer Neuedition des Rostocker Liederbuches

Während die Liedkunst des deutschsprachigen Hochmittelalters, namentlich die Texte der Autoren des 12. und frühen 13. Jh.s, gut erforscht ist, steht eine umfassende Beschreibung und literar- und musikhistorische Einordnung der spätmittelalterlichen Lyrik in deutscher Sprache noch aus: Als einigermaßen befriedigend kann allenfalls die wissenschaftliche Aufarbeitung weniger und besonders prominenter Werke namentlich bekannter Autoren wie Frauenlob, Oswald von Wolkenstein oder der Mönch von Salzburg gelten; außerdem wird mit dem "Repertorium der Sangsprüche und Meisterlieder" und mit der Edition der "Geistlichen Gesänge des deutschen Mittelalters" die Grundlage geschaffen für die wissenschaftliche Erforschung von zwei wichtigen Segmenten dieser in sich sehr ausdifferenzierten literarisch-musikalischen Tradition. Für die weltlichen Lieder weniger bekannter Dichterkomponisten und erst recht für die anonym tradierte Lyrik der sog. weltlichen Liederbücher stehen die wissenschaftlichen Bemühungen jedoch meist erst am Anfang.

Als ein besonderes Problem erweist sich in diesem Bereich die schlechte Editionslage. Manche Quellen müssen überhaupt erst einmal herausgegeben werden, in anderen Fällen sind die vorhandenen Editionen ergänzungs- oder revisionsbedürftig. Dies gilt auch für die von Ranke und Müller-Blattau veranstaltete Ausgabe des am Ende des 15. Jh.s entstandenen Rostocker Liederbuches (Rostock, UB: Mss. philol. 100/2), das u.a. wegen der Vielfalt und der Besonderheit der in ihm vertretenen Texttypen sowie der hohen Anzahl von unikal tradierten Melodien zu den bedeutendsten Quellen für die (nieder-)deutsche Lyrik des 15. Jh.s gezählt wird.

Die 1927 vorgelegte Ausgabe zählt ohne Zweifel zu den Pionierleistungen des Fachs, die sich in ihrer Qualität deutlich von der verdienstvollen, aber unzuverlässigen editio princeps von Bruno Claussen unterscheidet und die auch für die heutige Beschäftigung mit diesem Liedcorpus immer noch mit sehr großem Gewinn konsultiert werden kann. Zu ihren Vorzügen zählen:

  1. die ausführliche Einleitung, die wichtige Informationen zur Entdeckung des Liederbuches, zum Beschreibstoff, zur Scheidung der Schriften und Melodieaufzeichnungen zusammenträgt, eine erste typologisierende Übersicht der Lieder präsentiert, die wichtigsten Quellen und Parallelen des hier zusammengetragenen Corpus benennt und die sich in ihren vorsichtig abwägenden Überlegungen zur Lokalisierung und Datierung markant von den oftmals eher undifferenzierten Aussagen zur Provenienz des Liedcorpus unterscheidet,
  2. die handschriftennahe Darbietung der Texte, die erfreuliche Zurückhaltung bei Konjekturen und die exakte Markierung der von den Herausgebern vorgenommenen Änderungen,
  3. die Kombination aus möglichst genauem diplomatischem Abdruck der Melodien (im Anhang) und den Übertragungsversuchen (im Hauptteil der Edition), die in wünschenswerter Klarheit die Rekonstruktionsleistung der Editoren offenlegt,
  4. die knappen, aber sehr hilfreichen Anmerkungen zu den Texten, die vor allem für die historischen Hintergründe der politischen Lieder sehr wichtig sind.

Nach fast 80 Jahren mediävistischer Forschung in der Musik- wie in der Literaturwissenschaft treten indes andere Interessen bei der Darbietung und der Interpretation des handschriftlichen Befundes in den Vordergrund; ferner sind seit 1927 in einigen Bereichen wesentlich genauere Beschreibungsmöglichkeiten entwickelt worden, sodass eine neue Analyse und Edition dieses wichtigen Liedcorpus notwendig ist. Als dringende Desiderate erscheinen

  1. eine exakte paläographische Analyse der Schrift und der Notation, auf deren Grundlage die Scheidung der Hände sowie die Datierung und die Lokalisierung der Handschrift noch einmal diskutiert werden muss,
  2. eine Analyse der verschiedenen Schreibsprachen, die sich nicht mit der üblichen Scheidung von hoch- und niederdeutschen Elementen des Rostocker Liederbuches begnügt, sondern (im Anschluss an die neuere Forschung zur Binnengliederung des Niederdeutschen) eine genauere Beschreibung der Dialektmerkmale und ihrer Mischungen vornimmt,
  3. eine ausführliche Beschreibung der Parallelüberlieferung nach gegenwärtigen Beschreibungsstandards, die zu jedem Überlieferungszeugen die wichtigsten Angaben zu Aufbewahrungsort, Datierung und Lokalisierung, Inhalt und Aufbau verzeichnet und die einschlägige Literatur dazu nachweist,
  4. ein Forschungsbericht und eine Gesamtbibliographie zur wissenschaftlichen Erschließung der Texte und Melodien,
  5. eine synoptische Neuausgabe der Texte und Melodien, die durch die Präsentation der Parallelüberlieferung die besondere Stellung der Rostocker Handschrift erkennen läßt,
  6. eine Präsentation der Melodien, die eine diplomatische Wiedergabe der Notenzeichen mit moderner Schlüsselsetzung kombiniert mit Vorschlägen zur Rhythmisierung,
  7. eine Übersetzung aller Texte,
  8. ein ausführlicher Kommentar, der nach einem gleichbleibenden Beschreibungsmuster die wichtigsten Informationen zu den Liedern zusammenträgt.

Die Edition

Die Edition soll in zwei Bänden angelegt werden, die den Bedürfnissen und Interessen unterschiedlicher Adressatenkreise entgegenkommen:

  • Der Band 1 enthält nach einer allgemeinen Einleitung die Edition der rhythmisierten Melodien und des (ggf. metrisch normalisierten) Textes, ferner die Übersetzung (mit kurzen Sacherläuterungen), eine CD mit der Einspielung aller Melodien durch ein professionelles Musikensemble sowie Hinweise auf weiterführende Literatur. Ziel dieses Bandes, der zusätzlich zu der zweibändigen Ausgabe auch als Separatum erscheinen könnte, ist es, das Liederbuch auf eine wissenschaftlich fundierte Weise einem möglichst breiten Publikum zu erschließen.
  • Der Band 2 wendet sich dagegen vorwiegend an die Fachwissenschaftler. Er enthält neben der diplomatischen Wiedergabe der Texte und Melodien alle Materialien, die zu einer neuen Erschließung dieses Liedcorpus notwendig sind: Handschriftenbeschreibung, detaillierte Erfassung der schreibsprachlichen Besonderheiten, Dokumentation der gesamten Parallelüberlieferung, Forschungsbericht, Kommentar und Gesamtbibliographie. Eine weitere CD soll schließlich die musikalische Umsetzung der im Kommentar diskutierten Rhythmisierungsvarianten präsentieren.