Eine genaue Analyse der Schreibsprache ist im Rahmen des Rostock-Kieler Projektes geplant; die nachfolgenden Angaben wollen lediglich erste Hinweise geben. Sie greifen z.T. auf die Ergebnisse einer Hausarbeit von Doreen Brandt (geb. Menzlin) zurück.
Vom Sprachstand her lassen sich die Texte in fünf Hauptgruppen unterteilen:
N Texte in einem eindeutig niederdeutschen Schreibidiom, die u.a. nach Ausweis der Reime auch tatsächlich nördlich der Benrather Linie entstanden sind; diese Stücke weisen keine Parallelüberlieferung im hochdeutschen Raum auf (Nr. 2–6, 10, 11–13, 17–18, 23–27, 29, 32–35, 37, 44, 47, 49–50, 52–58, 59.
Kein niederdeutscher Text im »Rostocker Liederbuch« lässt sich einem konkreten niederdeutschen Binnenraum zuordnen lässt; kennzeichnend für den Sprachstand ist vielmehr, dass die Texte die Merkmale unterschiedlicher niederdeutscher Idiome aufweisen. Charakteristisch ist der Fall der politischen Lieder aus Braunschweig (Nr. 3–5), wo neben Merkmalen, die als typisch ostfälisch gelten (wie die Verwendung der Personalpronomina mik / dik / gik oder der Form schipper für ‚Schöpfer’ (Nr. 3, V. 12) nordniederdeutsche Kennformen auftreten (wie die typische Verdumpfung von /a/ > /o/ vor /-ld/ und /-lt/).
In der Gruppe der niederdeutschen Texte kommen gelegentlich auch hochdeutsche Formen mit /tz/ (im Anlaut wie im Auslaut) vor: Vgl. kantze (RMB 2, V. 10), vortzagen (RMB 3, V. 8), tzagel (RMB 3, V. 43), gehtzyret (RMB 5, V. 1), unvortzaget (RMB 6, V. 96), tzarten (RMB 18, 6), hertzen : schertze (RMB 35, V. 30/32), tzart (RMB 44, V. 1), hertzen (RMB 44, V. 2; vgl. aber: herten in RMB 44, V. 6!), matzelen (V. 25). In den meisten Fällen erklären sie sich daraus, dass es sich um Lehnwörter aus dem Hochdeutschen handelt; speziell bei dem Adjektiv ‚tzart’ und den Substantiven ‚hertz’ und ‚schertz’ handelt es sich eindeutig um direkte Übernahmen aus dem hochdeutschen Minnediskurs, die deshalb für die Lokalisierung der Texte nichts besagen.
H/N Ursprünglich hochdeutsche Texte, die aber vergleichsweise stark an das Niederdeutsche angeglichen worden sind; ihre hochdeutsche Provenienz ist über die Existenz einer hochdeutschen Parallelüberliefung oder aber über hochdeutsche Sprachspuren (speziell im Reim) erschließbar (Nr. 1, 7–9, 14–15, 22, 30–31, 36, 38, 45, 46, 48).
Diese Gruppe von Texten ist besonders gut an den Hyperkorretismen und Mischformen in der Art von datz für daz, motz für muoz oder watz für waz zu erkennen (vgl. RMB, S. [4] 196), die signifikanterweise in den Texten, die im norddeutschen Raum entstanden sind, nicht auftreten.
H Ursprünglich hochdeutsche Texte, die viel von ihrem Sprachstand beibehalten haben; sie sind oft (aber keineswegs immer) auch in hochdeutschen Überlieferungsträgern bezeugt (Nr. 19–21).
L/H/N Texte mit einer lateinisch-(hoch/nieder-)deutschen Sprachmischung (Nr. 28, 43).
Der Sprachstand der deutschen Passagen in Nr. 28 und die hochdeutsche Parallelüberlieferung des Textes verweisen darauf, dass dieses bilinguale Lied vermutlich nicht niederdeutschen Ursprungs ist, sondern lediglich an das Idiom der norddeutschen Sammler / Schreiber angepasst wurde. Komplizierter ist der Fall von Nr. 43, wo niederdeutsche und hochdeutsche Formen neben einander stehen.
L rein lateinische Texte (Nr. 16, 39–42, 51, 60). |