Das Rostocker Liederbuch – eine Sammelhandschrift
Die Existenz mehrerer Schreiber, die Schwankungen im Schreibduktus der ersten Hand sowie große Divergenzen in der Farbe der Tinten deuten darauf hin, dass das Liederbuch nicht in einem Zug abgeschrieben wurde, sondern erst nach und nach entstand, vermutlich sogar über einen längeren Zeitraum hinweg.
Seiten, die mit einer dunklere Tinte beschriftet worden sind (z.B. auf Bl. 1r, 6v, 8v–9r, 11rv, 32r–38r, 43r), wechseln ab mit Seiten, die eine helle Tintenfärbung aufweisen (z.B. Bl. 2v–3r). Besonders interessant ist die Aufzeichnung von Lied Nr. 2 (Bl. 1v) durch die 1. Hand, weil nach dem ersten Drittel des Textes (nach Ranke und Müller-Blattau Nr. 2, V. 9) ein Wechsel von einer kräftigen zu einer blassen Färbung der Schrift eintritt. Dies könnte darauf hinweisen, dass der Text in zwei separaten Arbeitsschritten eingetragen worden ist.
Offenbar handelt es um eine Art Sammelheftchen, in das ein Bestand von Liedern eingetragen worden ist, der dann sukzessive durch neue Texte und Melodien erweitert wurde.
Das Anwachsen des Bestandes zeigt sich besonders gut an dem Lied Nr. 58, das sich schon durch die Art, wie es aufgezeichnet worden ist, als Nachtrag zu erkennen gibt: Der Text beginnt auf Bl. 39v, dabei ist die Schreibrichtung auffälligerweise parallel zur Langseite des Blattes ausgerichtet. Nach Vers 50 wurde die Aufzeichnung dann auf der Vorderseite von Bl. 39 fortgeführt, und zwar auf dem rechten Blattrand (und auch hier parallel zur Langseite). Vgl. Ranke und Müller-Blattau [81f.] 273f. (Anmerkungsapparat zu Nr. 58) sowie die Abbildung der Seiten 39r und 39v.
Diese Technik der Archivierung erklärt auch, dass von einer ganzen Anzahl von Melodien und Texten Mehrfachaufzeichnungen vorliegen (Nr. 1–5, 16–17, 19 sowie 37–38). Dabei lassen sich die folgenden Arten der Mehrfacheinträge unterscheiden:
– Bei den Nummern 1–5 sowie 37 findet sich die Notation des vollständigen Textes ohne Melodie und zusätzlich an anderer Stelle ein Notensystem mit dem Text der 1. Strophe.
– Im Falle von Nr. 19 wird der vollständige Text mit Melodie aufgezeichnet; zusätzlich gibt es an anderer Stelle eine Melodienotation ohne Text.
– Ein regelrechte Doppeleintrag, bei dem Text und Melodie zwei Mal an unterschiedlichen Stellen notiert werden, lässt sich bei den formal eng zusammenhängenden Nummern Nr. 16–17 beobachten (wobei der Zweiteintrag von Nr. 17 auf eine Notation der Melodie verzichtet, weil diese ohnehin in allen wesentlichen Strukturmerkmalen mit der von Nr. 16 übereinstimmt).
– In der Aufzeichnung von Nr. 38 schließlich werden die ersten beiden Notationstypen miteinander kombiniert.
Aufschlussreich für die Entstehungsgeschichte der Handschrift ist, dass die meisten Zweiteinträge auf wenigen Seiten zusammenstehen: Vgl. v.a. Bl. 4v (Nr. 3 und Nr. 4), Bl. 34r–35r (Nr. 16, 17, 19), Bl. 43v–44r (Nr. 37–38).
Ferner finden sich an manchen Stellen der Handschrift regelrechte Cluster von sehr ähnlichen Liedern. Besonders deutlich ist in der Folge der Lieder Nr. 19–21 zu erkennen, die nicht nur von einer Hand (Schreiber 3) notiert worden sind, sondern die überdies allesamt aus oberdeutschen Quellen stammen und sich infolgedessen im Sprachstand deutlich von den vorher wie nachher eingetragenen Liedern unterscheiden. |