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Notation der Melodien im Rostocker Liederbuch

Melodienotation
Notationsübersicht Die Notation der einstimmigen Melodien Die Notation der zweistimmigen Liedsätze Zu den Abbildungen der verschiedenen Notationen
1. Einstimmige Melodien
Die Mehrzahl der einstimmigen Lieder des Rostocker Liederbuchs sind mit Einzelzeichen der schwarzen Mensuralnotation (Brevis, Semibrevis, Minima und Fusa) notiert (Beispiel A). Teilweise haben die Zeichen dabei keine streng mensural-quantitative Bedeutung, sondern stehen qualitativ für Versphänomene, z.B. wenn der Schreiber bei überschießenden Silben die vorangehende Tonhöhe mit einer Fusa wiederholt („vo-ge-lin“).

6v
Ausschnittsvergrößerung Fol. 6v

In einer Gruppe von als „tenor“ bezeichneten Melodien wird dieses Repertoire von mensuralen Zeichen ergänzt um charakteristische Gruppen von puncta (Rhomben), in Dreier- und Zweierverbünden gesetzt. Daraus ist eine eigene rhythmische Prägung dieser Melodiengruppe abzulesen (Beispiel B).

Eine dritte Gruppe von Liedern (Nummern 6, 16a – 18) ist in einer gemischten Notation aufgezeichnet: Mensural unbestimmte Hufnagelneumen (Virga, Punctum und Clivis für absteigende Zweitonverbindungen) treten neben den gebräuchlichen Zeichen der Mensuralnotation (Minima und Fusa) auf (Beispiel C).

Brevis Semibrevis Minima Fusa Virga Punctum Clivis
A Brevis
Semibrevis Minima Fusa - - -
B Brevis
Semibrevis3
Semibrevis2
Semibrevis1
Minima - - - -
C -
Semibrevis Minima Punctum Virga Virga Clivis

Christoph März hat eine nach Liednummern geordnete Übersicht über die in den einstimmigen Liedern verwendeten Notenzeichen zusammengestellt (Christoph März: Deutsche Liederbücher im Spiegel ihrer musikalischen Notation, S. 138f).


2. Zweistimmige Liedsätze
Zwei zweistimmige Lieder (Nr. 42 O Maria rogatrix (33r) und Nr. 60 Dixit, dixit / Quoniam sectam (43r) – Texthand 1) sind von unterschiedlichen Händen mit den Notenzeichen Longa, Brevis und Semibrevis der schwarzen Mensuralnotation notiert (Beispiel D). Ein Lied (Nr. 19 - Texthand 3) ist in weißer Mensuralnotation (Longa, Brevis, Semibrevis, Minima) aufgezeichnet (Beispiel E).

Longa Brevis Semibrevis Minima
D Longa
Brevis Semibrevis -
E Longa
Brevis Semibrevis Minima

Das Verhältnis von Textschriften und Notationen erfordert weitere Untersuchungen. Auf jeden Fall lassen die je verschiedenen mehrstimmigen Aufzeichnungen bezweifeln, ob gemäß des Befunds von Ranke/Müller-Blattau alle Melodien mit Ausnahme von Nr. 19 tatsächlich vom Hauptschreiber notiert seien, ob es also, wie Christoph März annimmt, „der Schreiber des Rostocker Liederbuchs“ gewesen sei, der, „mit von niemandem bezweifelter Könnerschaft zu verfahren [in der Lage war], wo ihm an der Aufzeichnung mehrstimmiger Musik gelegen war“ (Christoph März: Deutsche Liederbücher, S. 137).


Abbildungen der verschiedenen Notationen
Lied Nr. 1 Scheyden, du scheyden du vil sendighe not (Blatt 1r) Tenornotation
Lied Nr. 19 Wach uff myn hort (Blatt 19r) weiße Mensuralnotation
Lied Nr. 16a In nemore viridi (Blatt 17r) gemischte einstimmige Notation
Lied Nr. 17 De jungelin sprak: 'schon juncfrouw fyn' (Blatt 17v) gemischte einstimmige Notation
Lied Nr. 16b In nemore viridi (Blatt 34r) mensurale Zeichen mit metrisch-deiktischer Funktion
Lied Nr. 42 O Maria rogatrix (Blatt 33r) schwarze Mensuralnotation, Hand 1
Lied Nr. 60 Dixit, dixit / Quoniam sectam (Blatt 43r) schwarze Mensuralnotation, Hand 2