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Lokalisierung und Datierung des Rostocker Liederbuchs

1. Lokalisierung des Liederbuchs

Im Allgemeinen wird der Fundort mit dem Entstehungsort der Handschrift identifiziert. Dies ist wegen der komplizierten Vor- und Nachgeschichte der Johann-Albrecht-Bibliothek keineswegs zwingend, so dass die Forschung versuchte, weitere Indizien für diese These beizubringen. So glaubte Claussen, die Rostocker Provenienz mit der Interpretation der Nr. 58 stützen zu können, von der annahm, dass sie "vom guten Rostocker Essen" handele (Claussen, Über den Fund, S. 21) und die er deshalb als "Loblied" auf die Hansestadt verstand (Claussen, S. VII). Ranke und Müller-Blattau, S. [96–98] 288–290, teilen mit Claussen den vermuteten Bezug auf die Stadt, stellen den Text allerdings in ganz andere Zusammenhänge, indem sie ihn als eine Auseinandersetzung mit der Rostocker Domfehde verstehen. Diese Deutung des Liedes bedürfte einer kritischen Überprüfung.

Außerdem versuchen Ranke und Müller-Blattau, Claussens ansprechende Überlegung, dass das Rostocker Liederbuch im Umkreis der Universität entstanden sein könnte, zu stützen, indem sie einerseits auf die lateinischen und lateinisch-deutschen Texte und Eintragungen der Handschrift hinweisen und andererseits auf die Erwähnung der studentischen Bursen in Nr. 51. Vgl. Ranke und Müller-Blattau [8f.] 200f.

Die lateinischen und lateinisch-deutschen Texte setzen in der Tat einen gelehrten Kontext heraus, und unter der Vorgabe, dass das Lied Nr. 51 an dem Ort entstand, an dem auch das Rostocker Liederbuch zusammengestellt worden ist, scheint einiges für die "Leuchte des Nordens" als Entstehungskontext der Handschrift zu sprechen. Vgl. auch den in Nr. 55 erwähnten mester aus der scole, der sich evtl. auf einen Magister im universitären Unterricht beziehen lässt.

Auffällig ist indes, wie bereits Ranke und Müller-Blattau (ebd.) festhalten, dass keiner der Namen, die im Liederbuch genannt werden, in der Rostocker Matrikel nachweisbar ist. Aufschlüsse zur Provenienz sind evtl. von der noch ausstehenden Analyse der Schriftsprache zu erwarten. Der Schriftdialekt der meisten deutschsprachigen Texte im Rostocker Liederbuch ist mittelniederdeutsch.

 

2. Datierung des Liederbuchs

Der Charakter der Schrift weist auf die 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Einigen Anhalt für die Datierungen bieten die historischen Lieder Nr. 3-5, 11, 15 und 58.

Die Lieder 3, 4, 5, 11 und 15 verweisen auf historische Ereignisse in der Landesgeschichte Braunschweigs, die auf die Zeit von ca. 1432-1465 datiert werden, während sich das (von der Haupthand nachgetragene!) Lied Nr. 58 (Blatt Nr. 39r bis 39v) vermutlich auf die so genannte Rostocker Domfehde bezieht (1487-1491).

Dadurch erhält man für den Hauptbestand der Sammlung das Jahr 1465, für den Nachtrag das Jahr 1487 als terminus post quem.

Daraus ergibt sich, dass das Liederbuch im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts angelegt worden sein mag und gegen Ende des Jahrhunderts erweitert wurde.

Wasserzeichen

Die Wasserzeichen bestätigen die Datierung in die 2. H. des 15. Jh.s. Denn die Wasserzeichen der Blätter 33 und 38 (Ochsenkopf mit Augen; als Oberzeichen eine einkonturige Stange mit fünfblättriger Blume) stimmen mit den Wasserzeichen WZMA AT5000-431_96 und WZMA AT5000-431_97 auf der Handschrift Klosterneuburg überein: Augustiner Chorherrenstift: Cod. 431, die auf 1455 datiert wird.

(Vgl. die Abbildung der Wasserzeichen der Blätter 33 und 38 mit
WZMA AT5000-431_96 sowie WZMA AT5000-431_97)