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Neuedition des Rostocker Liederbuches

Das »Rostocker Liederbuch« (Rostock, Universitätsbibliothek: Mss. philol. 100/2) aus dem 15. Jahrhundert trägt 60 Stücke in niederdeutscher, hochdeutscher und lateinischer Sprache zusammen und zählt wegen der Vielfalt und der Besonderheit der in ihm vertretenen Texttypen sowie der hohen Anzahl von 30, oftmals unikal tradierten Melodien zu den bedeutendsten Quellen für die deutsche Lyrik des Spätmittelalters. Nach einer verdienstvollen, aber philologisch unbefriedigenden Edition von 1919 durch den Entdecker der Sammlung, den Rostocker Bibliothekar Bruno Claußen, haben 1927 der Germanist Friedrich Ranke und der Musikwissenschaftler Joseph M. Müller-Blattau die bis heute maßgebliche Ausgabe des Liederbuches veranstaltet, die ohne Zweifel zu den Pionierleistungen des Fachs zählt und die auch für die heutige Beschäftigung mit diesem Liedcorpus immer noch mit sehr großem Gewinn konsultiert werden kann. Zu ihren Vorzügen zählen:

  1. die ausführliche Einleitung, die wichtige Informationen zur Entdeckung des Liederbuches, zum Beschreibstoff, zur Scheidung der Schriften und Melodieaufzeichnungen zusammenträgt, eine erste typologisierende Übersicht der Lieder präsentiert, die wichtigsten Quellen und Parallelen des hier zusammengetragenen Corpus benennt und die sich in ihren vorsichtig abwägenden Überlegungen zur Lokalisierung und Datierung markant von den oftmals eher undifferenzierten Aussagen zur Provenienz des Liedcorpus unterscheidet,
  2. die sorgfältige Behandlung der Texte, die erfreuliche Zurückhaltung bei Konjekturen und die exakte Markierung der von den Herausgebern vorgenommenen Änderungen,
  3. die Kombination aus möglichst genauem diplomatischem Abdruck der Melodien (im Anhang) und den Übertragungsversuchen (im Hauptteil der Edition), die in wünschenswerter Klarheit die Rekonstruktionsleistung der Editoren offen legt,
  4. die knappen, aber sehr hilfreichen Anmerkungen zu den Texten, die vor allem für die historischen Hintergründe der politischen Lieder sehr wichtig sind.

Nach über 80 Jahren mediävistischer Forschung in der Musik- wie in der Literaturwissenschaft treten indes andere Interessen bei der Darbietung und der Interpretation des handschriftlichen Befundes in den Vordergrund; ferner sind seit 1927 in einigen Bereichen wesentlich genauere Beschreibungsmöglichkeiten entwickelt worden, so dass eine neue Analyse und Edition dieses wichtigen Liedcorpus als notwendig erscheint. Seit dem Jahre 2006 wird nun an der Universität Rostock eine solche Neuausgabe durch eine interdisziplinäre und interuniversitäre Forschergruppe in Angriff genommen. In Ergänzung und Weiterführung zu der Edition von Ranke / Müller-Blattau sind die folgenden Arbeitsschritte geplant:

  1. eine exakte paläographische Analyse der Schrift und der Notation, auf deren Grundlage die Scheidung der Hände sowie die Datierung und die Lokalisierung der Handschrift noch einmal diskutiert werden muss,
  2. eine Analyse der verschiedenen Schreibsprachen, die sich nicht mit der üblichen Scheidung von hoch- und niederdeutschen Elementen des Rostocker Liederbuches begnügt, sondern (im Anschluss an die neuere Forschung zur Binnengliederung des Niederdeutschen) eine genauere Beschreibung der Dialektmerkmale und ihrer Mischungen vornimmt,
  3. eine ausführliche Beschreibung der Parallelüberlieferung nach gegenwärtigen Beschreibungsstandards, die zu jedem Überlieferungszeugen die wichtigsten Angaben zu Aufbewahrungsort, Datierung und Lokalisierung, Inhalt und Aufbau verzeichnet und die einschlägige Literatur dazu nachweist,
  4. ein Forschungsbericht und eine Gesamtbibliographie zur wissenschaftlichen Erschließung der Texte und Melodien,
  5. eine synoptische Neuausgabe der Texte und Melodien, die durch die Präsentation der Parallelüberlieferung die besondere Stellung der Rostocker Handschrift erkennen lässt,
  6. eine Präsentation der Melodien, die eine diplomatische Wiedergabe der Notenzeichen mit moderner Schlüsselsetzung kombiniert mit Vorschlägen zur Rhythmisierung,
  7. eine Übersetzung aller Texte,
  8. ein ausführlicher Kommentar, der nach einem gleich bleibenden Beschreibungsmuster die wichtigsten Informationen zu den Liedern zusammenträgt.

Die Edition soll in zwei Bänden angelegt werden, die den Bedürfnissen und Interessen unterschiedlicher Adressatenkreise entgegenkommen:

  • Der Band 1 enthält nach einer allgemeinen Einleitung die Edition der rhythmisierten Melodien und des (ggf. metrisch normalisierten) Textes, ferner die Übersetzung (mit kurzen Sacherläuterungen), eine CD mit der Einspielung aller Melodien durch ein professionelles Musikensemble sowie Hinweise auf weiterführende Literatur. Ziel dieses Bandes ist es, das Liederbuch auf eine wissenschaftlich fundierte Weise einem möglichst breiten Publikum zu erschließen; er soll deshalb auch separat, als broschierte Studienausgabe, erscheinen, die unabhängig von der „großen“ Edition genutzt werden kann.
  • Der Band 2 wendet sich dagegen vorwiegend an die Fachwissenschaftler. Er enthält neben der diplomatischen Wiedergabe der Texte und Melodien und der synoptischen Edition alle Materialien, die zu einer neuen Erschließung dieses Liedcorpus notwendig sind. Eine ausführliche Einleitung soll die Handschriftenbeschreibung, die detaillierte Erfassung der schreibsprachlichen Besonderheiten, die Dokumentation der gesamten Parallelüberlieferung und den Forschungsbericht bieten, der Kommentar analysiert dann Stück für Stück den Schreibdialekt der einzelnen Texte, skizziert auf der Basis der bekannten Parallelüberlieferungen die Wirkungsgeschichte der einzelnen Lieder und beschreibt die Besonderheiten ihrer sprachlichen, literarischen und musikalischen Gestaltung; außerdem sollen hier die Probleme diskutiert werden, die bei der Edition von Text und Melodie aufgetreten sind. Ein vollständiges Wörterbuch , eine Gesamtbibliographie und eine weitere CD mit der musikalischen Umsetzung von Rhythmisierungsvarianten runden die Ausgabe ab.

Ergänzt wird die Edition durch eine Internetpublikation (http://www.rostocker-liederbuch.de), die

  • grundlegende Informationen zur Handschrift und der dort tradierten Lieder zusammenträgt,
  • Farbabbildungen von allen Seiten des Rostocker Liederbuches,
  • alle derzeit greifbaren Einspielungen von Melodien aus dem Rostocker Liederbuch als mp3-files zur Verfügung stellt und
  • die Gesamtbibliographie ständig aktualisiert.

Der Forschergruppe gehören an:

Prof. Dr. Franz-Josef Holznagel (Universität Rostock), der die Gruppe leitet und vor allem für die buchkundlichen und literaturwissenschaftlichen Arbeitsbereiche verantwortlich ist,

Prof. Dr. Hartmut Möller (Hochschule für Musik und Theater Rostock), der die Neuedition der Melodien erstellt und die Einspielung der Lieder durch ein professionelles Musikensemble betreut,

Prof. Dr. Andreas Bieberstedt (Universität Rostock), der sich mit der genauen Analyse der Schreibsprachen beschäftigt,

Prof. Dr. Udo Kühne (Universität Kiel), der die mittellateinischen Texte herausgibt.

Außerdem existiert seit dem Jahre 2007 eine Forschungskooperation mit Prof. Dr. Henrike Lähnemann (Universität Newcastle / GB).

Als Vorarbeit zu dieser Edition diente ein wissenschaftliches Colloquium, das vom 16.05.-18.05.2005 in Rostock stattgefunden hat. Ferner liegen als Resultat der Kooperation zwischen HMT und Universität Rostock bereits zwei Aufsätze zum "Rostocker Liederbuch" vor (Das 'Rostocker Liederbuch'. Aktuelle Perspektiven der Forschung (Hartmut Möller) und Ein Fall von Interregionalität. Oswalds von Wolkenstein 'Wach auf, mein hort' (Kl 101) in Südtirol und in Norddeutschland (Franz-Josef Holznagel)).